Gehirnwellen und Emotionen — Die Wissenschaft des EEG

Entdecken Sie, wie elektrische Aktivitätsmuster in Ihrem Gehirn mit Ihren Gedanken, Gefühlen und Ihrem Bewusstseinszustand zusammenhängen. Link4EEG macht die Neurowissenschaften für jeden zugänglich.

Was ist Elektroenzephalographie (EEG)?

Die Elektroenzephalographie, allgemein als EEG abgekürzt, ist eine nicht-invasive neurophysiologische Untersuchungsmethode, bei der die elektrische Aktivität des Gehirns über Elektroden an der Kopfoberfläche gemessen wird. Diese Technik wurde erstmals 1924 vom deutschen Psychiater Hans Berger an der Universität Jena erfolgreich am Menschen angewendet und hat seitdem eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Das grundlegende Prinzip beruht auf der Tatsache, dass Milliarden von Neuronen im Gehirn ständig elektrische Signale erzeugen, wenn sie miteinander kommunizieren. Diese winzigen elektrischen Potentiale — typischerweise im Bereich von 10 bis 100 Mikrovolt — können an der Schädeloberfläche erfasst werden, wenn große Populationen von Neuronen synchron feuern.

Im klinischen Alltag wird das EEG vor allem zur Diagnose von Epilepsie eingesetzt, da epileptische Anfälle durch charakteristische Muster in der elektrischen Gehirnaktivität gekennzeichnet sind. Darüber hinaus findet das EEG Anwendung in der Schlafmedizin, bei der Diagnose von Enzephalopathien, in der Intensivmedizin zur Überwachung der Gehirnfunktion sowie in der Forschung zu kognitiven Prozessen. Im Gegensatz zu bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) bietet das EEG eine hervorragende zeitliche Auflösung im Millisekundenbereich, was es besonders geeignet macht, schnelle Veränderungen in der neuronalen Aktivität zu verfolgen. Die räumliche Auflösung ist hingegen begrenzt, da die Signale durch den Schädel und die Kopfhaut gedämpft und verzerrt werden.

Moderne EEG-Systeme verwenden in der Regel 19 bis 256 Elektroden, die nach dem internationalen 10-20-System auf der Kopfoberfläche platziert werden. Dieses standardisierte Platzierungsschema gewährleistet die Vergleichbarkeit von Messungen zwischen verschiedenen Laboratorien und Kliniken weltweit. Die aufgezeichneten Signale werden verstärkt, digitalisiert und mithilfe verschiedener mathematischer Verfahren analysiert, darunter die Fourier-Transformation zur Frequenzanalyse, die Analyse ereigniskorrelierter Potentiale (EKP) und zunehmend auch maschinelle Lernverfahren zur automatisierten Mustererkennung.

Die fĂĽnf Gehirnwellen im Ăśberblick

Delta-Wellen (0,5–4 Hz)

Delta-Wellen sind die langsamsten und amplitudenstärksten Gehirnwellen, die beim Menschen messbar sind. Sie dominieren während des Tiefschlafs (Non-REM-Schlafstadien 3 und 4) und spielen eine entscheidende Rolle bei regenerativen Prozessen des Körpers und des Gehirns. Während dieser Schlafphasen schüttet der Körper Wachstumshormone aus, das Immunsystem wird gestärkt und die synaptische Homöostase — ein Prozess, bei dem die tagsüber verstärkten synaptischen Verbindungen auf ein Grundniveau zurückgesetzt werden — findet statt. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind Delta-Wellen auch im Wachzustand deutlich ausgeprägt, was den noch unreifen Entwicklungszustand des Gehirns widerspiegelt. Bei Erwachsenen kann eine erhöhte Delta-Aktivität im Wachzustand auf pathologische Zustände wie Hirnschädigungen, Enzephalopathien oder bestimmte metabolische Störungen hinweisen. Neuere Forschungen haben zudem gezeigt, dass Delta-Oszillationen eine Rolle bei der Gedächtniskonsolidierung spielen, insbesondere beim Transfer von Informationen vom Hippocampus zum Neokortex während des Schlafs. Meditationspraktiken tiefster Versenkung, wie sie von erfahrenen Meditierenden berichtet werden, können ebenfalls mit erhöhter Delta-Aktivität einhergehen.

Theta-Wellen (4–8 Hz)

Theta-Wellen befinden sich im Frequenzbereich zwischen 4 und 8 Hz und werden mit Zuständen der Schläfrigkeit, leichtem Schlaf, tiefer Entspannung und meditativen Bewusstseinszuständen assoziiert. In der neurowissenschaftlichen Forschung haben Theta-Oszillationen besondere Aufmerksamkeit erlangt, da sie eine zentrale Rolle bei Gedächtnisprozessen spielen. Der hippocampale Theta-Rhythmus, der bei Nagetieren besonders ausgeprägt ist und auch beim Menschen nachgewiesen wurde, ist eng mit räumlicher Navigation und der Enkodierung episodischer Erinnerungen verknüpft. Frontaler Theta-Anstieg wird häufig bei Aufgaben beobachtet, die kognitive Kontrolle, Fehlerverarbeitung oder die Überwachung von Handlungskonflikten erfordern. In der kreativen Phase des Denkens — jenem Moment, in dem neue Ideen und Assoziationen entstehen — zeigen sich oft erhöhte Theta-Aktivitäten. Dieser Zustand des „freien Assoziierens" wird manchmal als hypnagoger Zustand bezeichnet, jener Übergangsbereich zwischen Wachen und Schlafen, in dem das Bewusstsein besonders durchlässig für ungewöhnliche Gedankenverbindungen wird. Neurofeedback-Protokolle zur Steigerung der Theta-Aktivität werden experimentell bei der Behandlung von Angststörungen und zur Förderung der Kreativität eingesetzt.

Alpha-Wellen (8–13 Hz)

Alpha-Wellen, die erstmals von Hans Berger beschrieben und als „Berger-Rhythmus" bekannt wurden, sind der am deutlichsten sichtbare Rhythmus im EEG und treten typischerweise im Frequenzbereich von 8 bis 13 Hz auf. Sie sind am stärksten über den okzipitalen (hinteren) Hirnregionen ausgeprägt und werden besonders deutlich, wenn eine Person die Augen schließt und sich in einem entspannten, wachen Zustand befindet — ein Phänomen, das als „Alpha-Blockierung" bezeichnet wird, wenn die Alpha-Aktivität beim Öffnen der Augen oder bei geistiger Anstrengung unterdrückt wird. Alpha-Wellen gelten als Korrelat eines entspannten Wachzustandes und werden mit innerer Ruhe, gelassener Aufmerksamkeit und einem Gefühl des Wohlbefindens in Verbindung gebracht. In der modernen Forschung wird die Alpha-Aktivität zunehmend als aktiver inhibitorischer Mechanismus verstanden, der irrelevante sensorische Informationen unterdrückt und so die Aufmerksamkeit auf relevante Reize lenkt. Diese „Alpha-Inhibitionshypothese" hat unser Verständnis der funktionellen Bedeutung dieser Gehirnwellen grundlegend verändert. Verringerte Alpha-Aktivität wird mit Angstzuständen und Stress assoziiert, während regelmäßige Meditation und Entspannungsübungen die Alpha-Leistung nachweislich steigern können.

Beta-Wellen (13–30 Hz)

Beta-Wellen umfassen einen relativ breiten Frequenzbereich von 13 bis 30 Hz und werden in der Regel in drei Unterbereiche unterteilt: niedrige Beta-Wellen (12–15 Hz, auch als SMR oder sensomotorischer Rhythmus bekannt), mittlere Beta-Wellen (15–20 Hz) und hohe Beta-Wellen (20–30 Hz). Sie sind der dominante Rhythmus während des aktiven Wachzustandes und werden mit bewusstem Denken, Konzentration, Problemlösung und aktiver Informationsverarbeitung assoziiert. Hohe Beta-Aktivität korreliert häufig mit Zuständen erhöhter Wachsamkeit, Anspannung und Angst — der sogenannten „Beta-Dominanz", die bei chronischem Stress und Angststörungen beobachtet wird. Im motorischen Kortex zeigt sich ein interessantes Phänomen: Vor einer Bewegung wird die Beta-Aktivität unterdrückt (Event-Related Desynchronization), und nach Abschluss der Bewegung kehrt sie verstärkt zurück (Beta-Rebound). Dieser Beta-Rebound wird als Mechanismus zur Aufrechterhaltung des gegenwärtigen motorischen Zustands interpretiert. In der klinischen Praxis wird SMR-Neurofeedback — das Training zur Verstärkung der niedrigen Beta-Aktivität über dem sensomotorischen Kortex — erfolgreich bei der Behandlung von ADHS eingesetzt, wobei mehrere kontrollierte Studien positive Effekte auf Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zeigen konnten.

Gamma-Wellen (30–100+ Hz)

Gamma-Wellen sind die schnellsten messbaren Gehirnwellen und treten im Frequenzbereich oberhalb von 30 Hz auf, wobei die am häufigsten untersuchte Frequenz bei etwa 40 Hz liegt. Sie werden mit höheren kognitiven Funktionen in Verbindung gebracht, darunter bewusste Wahrnehmung, Bindung von Sinnesinformationen (das sogenannte „Binding-Problem"), Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeitsprozesse. Die Gamma-Synchronisation zwischen verschiedenen Hirnregionen wird als neuronaler Mechanismus betrachtet, der es dem Gehirn ermöglicht, unterschiedliche Aspekte eines Objektes — wie Farbe, Form und Bewegung — zu einem einheitlichen Wahrnehmungserlebnis zu integrieren. Bemerkenswerte Forschungsergebnisse stammen aus Studien mit tibetischen Mönchen, die während der Meditation außergewöhnlich hohe und weitverteilte Gamma-Aktivität zeigten, was auf einen Zustand intensiver, ganzheitlicher Bewusstheit hindeutet. Im klinischen Kontext wird verringerte Gamma-Aktivität mit kognitiven Beeinträchtigungen bei Schizophrenie und der Alzheimer-Krankheit assoziiert. Neuere experimentelle Ansätze untersuchen, ob die Stimulation mit 40-Hz-Licht oder -Ton (sogenannte „Gamma-Entrainment") die Ablagerung von Amyloid-Beta-Plaques im Gehirn verringern und so möglicherweise den Verlauf der Alzheimer-Krankheit beeinflussen kann.

Wie funktioniert eine EEG-Messung?

Die Durchführung einer EEG-Messung folgt einem sorgfältig standardisierten Protokoll, das die Qualität und Reproduzierbarkeit der aufgezeichneten Daten gewährleistet. Zunächst wird die Kopfhaut des Probanden vorbereitet, um eine gute elektrische Leitfähigkeit zwischen der Haut und den Elektroden zu gewährleisten. Dies geschieht durch leichtes Abrasieren der obersten Hautschicht an den Elektrodenpositionen und das Auftragen eines leitfähigen Elektrodengels. Die Elektroden werden typischerweise in einer elastischen Kappe befestigt, die nach dem internationalen 10-20-System auf dem Kopf platziert wird. Dieses Benennungssystem basiert auf den prozentualen Abständen zwischen anatomischen Landmarken — dem Nasion (Nasenwurzel) und dem Inion (hinterer Schädelvorsprung) — und gewährleistet so eine konsistente Platzierung unabhängig von der Kopfgröße.

Jede Elektrode misst die Spannungsdifferenz zwischen ihrem Ort und einer Referenzelektrode, die häufig an den Ohrläppchen oder an der Mittellinienposition Cz platziert wird. Die gemessenen Signale, die im Bereich weniger Mikrovolt liegen, werden durch Differentialverstärker um das Tausendfache verstärkt und anschließend mit einer Abtastrate von typischerweise 250 bis 2000 Hz digitalisiert. Moderne EEG-Systeme verfügen über 64 bis 256 Kanäle und können die Daten in Echtzeit auf einem Bildschirm darstellen, wobei erfahrene Kliniker charakteristische Muster wie Alpha-Blockierung, epileptiforme Entladungen oder Schlafspindeln unmittelbar erkennen können. Die gesamte Prozedur ist schmerzfrei, birgt keine bekannten Risiken und dauert typischerweise zwischen 20 Minuten und einer Stunde, wobei in der klinischen Praxis auch Langzeit-EEGs über 24 Stunden oder länger durchgeführt werden können.

Die nachfolgende Datenanalyse umfasst mehrere Schritte: Zunächst werden Artefakte — störende Signale, die nicht vom Gehirn stammen, wie Augenbewegungen, Muskelaktivität oder elektromagnetische Interferenz — identifiziert und entfernt oder korrigiert. Anschließend werden die bereinigten Daten mittels verschiedener Methoden analysiert, darunter die schnelle Fourier-Transformation (FFT) zur Bestimmung der Leistungsspektren in verschiedenen Frequenzbändern, die Kohärenzanalyse zur Untersuchung der funktionellen Konnektivität zwischen Hirnregionen und moderne Verfahren der Quellenlokalisierung, die versuchen, die intrazerebralen Generatoren der an der Oberfläche gemessenen Signale zu identifizieren.

Neurofeedback: Das Gehirn trainieren

Neurofeedback, auch als EEG-Biofeedback bezeichnet, ist eine Form des operanten Konditionierens, bei der Personen lernen, ihre eigene Gehirnaktivität bewusst zu beeinflussen. Das Prinzip ist elegant in seiner Einfachheit: Die EEG-Aktivität wird in Echtzeit gemessen, in ein verständliches visuelles oder akustisches Feedback umgewandelt — beispielsweise in Form eines Films, der nur dann scharf abgespielt wird, wenn die gewünschte Gehirnaktivität auftritt — und die Person lernt durch wiederholte Übungssitzungen, die entsprechenden neuronalen Muster gezielt herzustellen. Dieser Prozess basiert auf dem Prinzip der Neuroplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur und Funktion als Reaktion auf Erfahrung zu verändern.

Die klinischen Anwendungen des Neurofeedback sind vielfältig und werden zunehmend durch wissenschaftliche Evidenz gestützt. Am besten untersucht ist die Anwendung bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), wo Theta/Beta-Ratio-Training und SMR-Training in mehreren randomisierten kontrollierten Studien positive Effekte auf Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität gezeigt haben. Die American Academy of Pediatrics stuft Neurofeedback als „Level 1 — Best Support" Intervention für ADHS ein. Weitere Anwendungsgebiete umfassen Epilepsie, Angststörungen, Depression, Schlafstörungen, chronische Schmerzen und die Leistungsoptimierung bei Sportlern und Musikern. Kritisch anzumerken ist, dass die Evidenzlage für manche dieser Anwendungen noch begrenzt ist und weitere hochwertige randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit eindeutig zu belegen.

Moderne Entwicklungen im Bereich Neurofeedback umfassen das Echtzeit-fMRT-Neurofeedback, bei dem Personen lernen, die Aktivität spezifischer Hirnregionen zu regulieren, sowie Brain-Computer-Interfaces (BCIs), die es gelähmten Patienten ermöglichen, durch Gedankenkraft Computer zu steuern oder Prothesen zu bewegen. Diese Technologien stehen an der Schnittstelle von Neurowissenschaften, Ingenieurwesen und Medizin und versprechen revolutionäre Fortschritte in der Rehabilitation und der Mensch-Maschine-Interaktion.

Gehirnwellen und Emotionen

Die Beziehung zwischen Gehirnwellen und emotionalen Zuständen ist eines der faszinierendsten und zugleich komplexesten Forschungsgebiete der affektiven Neurowissenschaften. Bereits in den frühen Tagen der EEG-Forschung fiel auf, dass emotionale Zustände mit charakteristischen Veränderungen in der elektrischen Gehirnaktivität einhergehen. Eines der einflussreichsten Modelle in diesem Bereich ist die frontale Asymmetrie-Theorie von Richard Davidson, die postuliert, dass eine relativ stärkere linksfrontale Aktivierung mit Annäherungsmotivation und positiven Emotionen assoziiert ist, während eine relativ stärkere rechtsfrontale Aktivierung mit Vermeidungsmotivation und negativen Emotionen wie Angst und Rückzug einhergeht.

Diese Theorie hat zahlreiche Studien inspiriert und zu einem differenzierteren Verständnis geführt. So wissen wir heute, dass die frontale Alpha-Asymmetrie nicht einfach positive versus negative Emotionen widerspiegelt, sondern vielmehr die motivationale Richtung — Annäherung versus Vermeidung. Wut beispielsweise, obwohl eine negative Emotion, geht mit linksfrontaler Aktivierung einher, da sie mit Annäherungsmotivation verbunden ist. Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass erhöhte Theta-Aktivität in frontalen Regionen mit der Verarbeitung emotionaler Konflikte und der Regulation von Emotionen zusammenhängt, während Gamma-Band-Aktivität mit der bewussten Wahrnehmung emotionaler Reize und der Integration emotionaler Informationen assoziiert wird.

In der angewandten Forschung wird das EEG zunehmend eingesetzt, um emotionale Zustände zu erkennen und zu klassifizieren — ein Bereich, der als „affective computing" oder emotionale Künstliche Intelligenz bezeichnet wird. Machine-Learning-Algorithmen können mit erstaunlicher Genauigkeit verschiedene emotionale Zustände anhand von EEG-Mustern unterscheiden, was Anwendungen in der personalisierten Medizin, der adaptiven Mensch-Computer-Interaktion und der Marktforschung ermöglicht. Gleichzeitig wirft diese Technologie wichtige ethische Fragen hinsichtlich der Privatsphäre und des potenziellen Missbrauchs von „Gedankenlese"-Technologien auf.

Geschichte der Elektroenzephalographie

Die Geschichte der Elektroenzephalographie beginnt im späten 19. Jahrhundert mit der Entdeckung, dass das Gehirn elektrische Aktivität erzeugt. Der englische Physiologe Richard Caton veröffentlichte 1875 erste Beobachtungen über elektrische Phänomene an der freiliegenden Hirnoberfläche von Kaninchen und Affen. Doch erst fast fünfzig Jahre später gelang es dem deutschen Psychiater Hans Berger an der Psychiatrischen Klinik der Universität Jena, die erste erfolgreiche Aufzeichnung der elektrischen Gehirnaktivität beim Menschen durchzuführen. Am 6. Juli 1924 platzierte Berger Elektroden auf dem Schädel seines 17-jährigen Sohnes Klaus und zeichnete rhythmische Spannungsschwankungen auf, die er als „Elektrenkephalogramm" bezeichnete.

Berger veröffentlichte seine Ergebnisse erstmals 1929 in seinem bahnbrechenden Artikel „Über das Elektrenkephalogramm des Menschen" und beschrieb darin die Alpha- und Beta-Wellen. Zunächst wurden seine Befunde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft mit Skepsis aufgenommen, bis die renommierten britischen Neurophysiologen Edgar Adrian und Bryan Matthews 1934 Bergers Ergebnisse bestätigten und damit der EEG-Forschung internationale Anerkennung verschafften. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das EEG rasch zu einem unverzichtbaren Werkzeug in der klinischen Neurologie. Frederic Gibbs und Erna Gibbs leisteten Pionierarbeit bei der Verwendung des EEG zur Klassifikation von Epilepsien, während William Grey Walter 1936 die Delta-Wellen und ihren Zusammenhang mit Hirntumoren beschrieb und später die ereigniskorrelierten Potentiale entdeckte. Die Einführung des internationalen 10-20-Systems durch Herbert Jasper im Jahr 1958 standardisierte die Elektrodenplatzierung und machte EEG-Aufzeichnungen weltweit vergleichbar.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte die digitale Revolution in die EEG-Forschung. Computertechnologie ermöglichte die quantitative Analyse von EEG-Daten, die Entwicklung topographischer Hirnkarten und die automatisierte Erkennung pathologischer Muster. Heute erlebt das EEG eine Renaissance durch die Kombination mit modernen Analysemethoden des maschinellen Lernens, tragbaren Consumer-EEG-Geräten und der wachsenden Bedeutung von Brain-Computer-Interfaces, die das Potential haben, die Art und Weise, wie wir mit Technologie interagieren, grundlegend zu verändern.

Aktuelle Forschung und Zukunftsperspektiven

Die EEG-Forschung befindet sich gegenwärtig in einer Phase bemerkenswerter Innovation und Erweiterung. Ein zentrales Forschungsfeld ist die Entwicklung von Brain-Computer-Interfaces (BCIs), die es ermöglichen, Gedanken direkt in Computerbefehle zu übersetzen. Während frühe BCI-Systeme nur einfache binäre Entscheidungen erlaubten, können moderne EEG-basierte BCIs bereits komplexe Steuerungsaufgaben bewältigen, wie das Schreiben von Buchstaben durch Vorstellung bestimmter Bewegungen oder das Navigieren eines Rollstuhls durch räumliche Aufmerksamkeit. Unternehmen wie Neuralink und Synchron arbeiten an implantierbaren Schnittstellen, doch die nicht-invasive EEG-Technologie bleibt aufgrund ihrer Sicherheit und Zugänglichkeit für viele Anwendungen die bevorzugte Methode.

Ein weiteres vielversprechendes Forschungsgebiet ist die EEG-basierte Biomarker-Entwicklung für psychiatrische Erkrankungen. Traditionell werden psychiatrische Diagnosen ausschließlich auf der Grundlage klinischer Symptome gestellt, doch zunehmend werden EEG-Muster als objektive biologische Marker identifiziert. Beispielsweise zeigen Patienten mit Depression häufig eine charakteristische frontale Alpha-Asymmetrie, und bestimmte EEG-Signaturen können vorhersagen, ob ein Patient auf ein bestimmtes Antidepressivum ansprechen wird — ein Ansatz, der als „Precision Psychiatry" bezeichnet wird und das Potential hat, die psychiatrische Behandlung grundlegend zu individualisieren.

Tragbare und kostengünstige EEG-Systeme für den Verbrauchermarkt — wie Muse, Emotiv und OpenBCI — demokratisieren den Zugang zur Gehirnwellenmessung und eröffnen neue Möglichkeiten für Selbstquantifizierung, Meditationstraining und Citizen Science. Gleichzeitig stellen sie die Forschungsgemeinschaft vor die Herausforderung, die Qualität und Zuverlässigkeit von Consumer-EEG-Daten sicherzustellen. Die Integration von EEG mit anderen Messmethoden wie funktioneller Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS), Elektromyographie (EMG) und physiologischen Messungen wie Herzratenvariabilität ermöglicht zudem ein immer umfassenderes Bild der Zusammenhänge zwischen Gehirnaktivität, Körperreaktionen und subjektivem Erleben.

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